Los, jetzt musst du mich färben. So in etwa "vernahm" ich den Ruf des Schilfes....
Es sind diese 2 bis 3 Wochen im Jahr, in denen es blühendes Schilf gibt und nur zu dieser Zeit kann grüne Farbe auf Wolle und Stoff "geerntet" werden . Mit getrocknetem Schilf gelang mir bisher "nur" gelb.
Ich färbe Wolle im kleinen Rahmen, das heißt eigentlich immer nur 100 g je Zug, manchmal 200 g. Gebeizt wird schon seit Jahren nur noch mit AL-Kaltbeize.
Meine Färberezeptur für Schilf stammt aus Dorothea Fischer's Buch. Eigentlich habe ich mich immer streng daran gehalten. Bis zu dem einen Tag....
Vor ein paar Jahren überlegte ich mir doch einfach gleich zum Auskochen einen Strang Wolle einzulegen. Gedacht, getan, Ergebnis nach weniger als der vorgeschriebene Auskochzeit begeisterte mich: Ein Dunkelgrün - fast so dunkel wie wie ein sonnenbeschienener Fichtenwald von weitem betrachtet. Leider habe ich diese Wolle nicht mehr, Foto existiert auch keines.... hach.
Natürlich wurde sofort ein weiterer Strang eingelegt, dabei kam ein ebenfalls dunkleres grün, jedoch nicht so dunkel wie zuvor, dabei heraus.
Der nächste Strang Wolle (also der 3.) entsprang dem Topf so, wie wir es gewohnt sind vom Schilf. Der 4. Strang entsprechend heller....
Dieses Jahr habe ich mich wieder nicht an die Zeiten gehalten. Gefärbt habe ich zuerst mit 400 g frischer Färbedroge auf 100 g Wolle, 3 Züge (wobei in diesem Jahr beim "Auskochzug" kein richtiges dunkelgrün erreicht wurde). Der über Nacht in die schon auskühlende Flotte eingelegte Strang, der dann erst am nächsten Tag beim wieder aufheizen entnommen wurde, zeigte am Ende die aller hellste Grünfärbung.
Der 1. und 3. Strang von links in der oberen Reihe sind die "dunkelsten" und rechts sieht
man einen der kalt eingelegten (und dann mit erhitzten) Strang, dieser hat wohl weniger Gelbanteil?
Kurz entschlossen habe ich wieder frisches Schilf geerntet, diesmal für 200 g Wolle und in das alte Wasser eingelegt. Auch diesmal während des Auskochens (100 g Wolle) kein richtiges dunkelgrün erhalten (liegt wohl doch am Jahrgang - zu heiß, der Wassergraben an dem das Schilf wächst war auch ausgetrocknet?). Beim nächsten Zug dieser "verlängerten" Flotte habe ich dann 200g Wolle eingelegt und im nächsten Zug nur ca. 100 g Wollflöcken, dann wieder 100 g Alpaka und dann wieder 200 g Wolle usw.
Bevor nun der nächste Strang mehr ins Gelb ging, habe ich noch einmal 400 g Schilf geholt und wieder die alte Flotte mit neuem Färbematerial bestückt (je zu 100 g). Da der Färbeprozess ein paar Tage unterbrochen war, hatte die Flotte im Topf eine "Schicht" bekommen (es war eine leichte Haut), welche auch bei der milchsauren Gärung auftreten kann). Nach dem Umrühren ergaben sich grüne Flocken die dann nach dem Aufkochen wieder gänzlich verschwanden. Es war absolut kein Schimmel.
So ging die alte Flotte nun in die 3. Färbeaktion und sowohl auf Alpakagarn als auch auf danach eingelegtes Merinogarn ergab es diesmal ganz andere grüne Farbnuancen.
Oben im Korb liegen 3 Stränge Alpaka - rechts der gelbe ist kalt gefärbt, im letzten Zug (in echt sind die Gelbtöne aller Stränge einen Deut gelber)
Alles in allem bin ich höchst erfreut über jeden einzelnen Strang. Diese Färbeart ist gänzlich unkonventionell und überhaupt nicht dazu geeignet möglichst jedes Mal die gleichen Farbnuancen zu erzielen, aber es ist meine Möglichkeit beim Färben eine Farbe immer wieder neu kennen zu lernen.